Ich war nicht ganz ich selber
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Über meine Angst davor "zu viel zu sein" - und was ich jetzt dagegen tue.
Im Dezember traf ich mich mit zwei meiner engsten Freundinnen, Hanna und Jael, zum Abendessen und Adventskranzbasteln. Die beiden sind wundervolle Frauen voller Tiefsinn, Kreativität und Lebensfreude. Wir banden Tannenzweige aneinander und sprachen über Sauerteige, Wanderurlaube, Bücher und kleine Alltagsgeschichten, bis es spät wurde. Als ich Hanna noch zum Bahnhof fuhr, war die Luft kühl und der Himmel voller Sterne. Ich erinnere mich, wie ich dachte: was für ein friedlicher Abend. Einfach gut fürs Herz.
Dann drehte ich den Zündschlüssel.
Aus den Lautsprechern dröhnte plötzlich:
„LAMAR TAKES THE SNAP… DEEP DROP. STEPS UP GOING DEEP AT THE FIVE. AT THE GOAL LINE. BATEMAN IS THERE. HE MAAAAAKES THE CATCH – TOUCHDOWWWWWN RAVENS!“ Wir zuckten zusammen. Und ich schämte mich für mich.
Wo eben noch bedächtige Stille war, schrie nun ein amerikanischer Sportkommentator durch mein Auto, dessen Podcast ich noch auf der Hinfahrt gehört hatte. Hanna lachte nur: „Ach, wie schön, dass Menschen Facetten haben“, grinste sie, während ich peinlich berührt auf eine Akustik-Herbstplaylist umstellte. Aber dieser Satz blieb tief in meinem Herzen hängen.
Denn genau damit habe ich seit Jahren ein Problem: nicht richtig in eine Box zu passen. Und dieser Text hier, ja dieser ganze Blog, ist Teil meines Versuchs, damit endlich Frieden zu schließen.
Die Instagram-Bubbles
Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit auf Instagram. Dort gibt es für fast alles eine Ästhetik: die Clean Girls mit perfekten Routinen, die Gym Girls mit coolen Sportoutfits und bunten Säften. Es gibt den Cottagecore-Lifest mit Laufgänsen im Garten und Sauerteigbrot, oder den Big-City-Lifestyle mit Iced Matcha vor Wolkenkratzern. Es gibt Pippi-Langstrumpf-Girls, Dark Feminines, Buch-Mausis, Slow-Living-Girlies und Boss Babes – und jede Bubble bringt eine klare Erwartung an Themen und Optiken mit sich. Und dann gibt es mich.
Meine Suche nach einer Box
Ich habe lange versucht, meine Ästhetik zu finden. Die eine klare Linie, die mir und anderen auf einen Blick erklärt, wer ich bin. Und nach außen habe ich das zuletzt beinah erzwungen:
Ich wurde das Dichter-Mädchen.
Auf Instagram teilte ich 2025 fast nur noch Buch- und Autorinnen-Content: Sarah auf der Bühne, Sarah beim Buchverpacken, Sarah auf der Buchmesse, Sarah mit der Schreibmaschine, Sarah mit dem Mikrofon und sanften, weichen Worten. Ich teilte nur noch Gedichte und immer weniger Lebenseinblicke, zeigte mich beim Journalen und erfüllte die Ästhetik mit Buch im Café. Teilte einen sanft formulierten Gedanken und ein lächelndes Bild im Leinenkleid.
Aber während ich mich so filterte und - ja, ich denke man kann sagen - inzenierte, habe ich mich auf meinem eigenen Account noch nie weniger als ich selbst gefühlt. Ich hatte beinah das Gefühl, so beige wie meine Bilder zu werden. Und ich hatte wirklich das Gefühl, mein Strahlen zu verlieren – und meine Stimme, meine Einzigart, gleich mit.
Wie will ich eigentlich leben?
In den letzten Wochen habe ich viel Zeit damit verbracht, zu überlegen, wofür ich eigentlich stehen will. Was ich eigentlich teilen will. Und als ich dachte: „Am liebsten wäre ich einfach ganz ungefiltert ich“ fiel mir Hannas Satz wieder ein. Warum schäme ich mich eigentlich? Wäre es nicht vielleicht bereichernd, ein facettenreiches Leben zu teilen, statt nur ein paar gefilterte Zeilen daraus? Könnte es andere Menschen nicht sogar ermutigen, ihre eigenen - vielleicht sogar widersprüchlichen - Facetten auch mehr anzunehmen?
Ich wäre so gern die Vintage-Frau mit Sauerteigbrot und Liebe zur Natur. Aber wenn ich nur Beige und Grün zeige, präsentiere ich nur die Hälfte von mir. Also lasst mich ehrlich sein:

Dinge, die nicht so ganz ins Bild passen –
aber trotzdem zu mir gehören
Ich trage gern beige – und genauso gern quietschende Farben.
Ich schreibe meine Gedichte nicht mit dem Füller im Journal, sondern tippe sie meistens einfach auf meinem Handy ein, weil die Gedanken so schnell und so wirr kommen, dass ich Zeilen immer wieder löschen und neu anordnen muss.
Ich lese weniger, als man denkt, und dann kreuz und quer: Bibel, Fantasy, Romane, Sachbücher, sehr selten Gedichte. Stattdessen schaue ich sehr, sehr viele Sport-Livestreams.
Ich mische ständig Englisch in meine Sprache und verstecke das online, weil es öfter mal kritisert wurde. Dabei stört es mich selber gar nicht – Germanistin hin oder her.
Ich predige Achtsamkeit und beschalle mich selbst dann doch mit YouTube und Hörbüchern. Sonntagabends schreie ich beim Football meine Seele aus dem Leib, statt meine Woche zu reflektieren. Meine Sprache ist oft weniger bedacht, als man erwartet und ich bin sehr sarkastisch – manchmal zu sehr, und dann verletze ich Menschen, ohne es zu wollen.
Ich bin ehrgeizig bei Spielen. Ich bin nicht immer so sanft, wie es scheint, nicht immer so freundlich, wie es zu wünschen wäre, und halte mich selbst am schlechtesten an meinen eigenen Rat.
Ich versuche optimistische Texte zu schreiben, obwohl ich selber ein sehr pessimistisches Herz habe. Ich kann online schreiben "Alles wird gut" und fühle trotzdem so oft "Nichts wird gut". Aber ich glaube, von diesen negativen Stimmen gibt es schon zu viele, darum versuche ich für euch und mich, eine positive Stimme zu sein.

Ich liebe die Natur - aber wenn ich dann in ihr bin und eine Dorne mich schrabbt oder meine Füße nass werden, dann rufe ich „Ich hasse die Natur“ und gehe wieder nach Hause. Ich sage generell auch öfter „ich hasse“ als ich sollte.
Ich liebe die Slow-Living-Idee, hasse es aber eigentlich zu kochen, fühle mich getrieben und stricke seit einem Jahr am selben Schal. Ich glaube echt, Slow-Living ist so gar nicht meine Stärke – aber jedes Jahr meine Ambition.
Ich liebe Jesus aber war letztes Jahr trotzdem nur sehr selten in einem Gottesdienst. Irgendwie fühle ich mich Gott in meiner täglichen Stillen Zeit so viel näher, als in Reihen vieler Menschen vor einer Bühne - darum ist die Hemmschwelle Sonntagmorgens groß für mich.
Ich schäme mich dafür, dass ich trotz meines Glaubens an einen guten und mich liebenden Gott sehr viele Ängste habe. Irgendwie scheint es mir, als müsse sich das ausschließen - aber in meinem Herzen existiert beides: Gottvertrauen und Zukunftsangst.
Wäre ich keine Autorin, dann wäre ich gerne Sportmoderatorin. Und ich liebäugle oft damit, die Selbstständigkeit trotz aller Liebe zur Poesie wieder gegen eine Festanstellung einzutauschen. Die große Verantwortung, die ich für mich habe, strengt mich sehr an.
In meiner Wohnung ist es nie aufgeräumt und das macht sie zum absoluten Instagram-Horror. Ich bin ein eher unordentlicher Mensch und bin außerdem viel größer als Leute erwarten. Ständig sagt man mir: „Ich dachte du wärst kleiner“. Ständig sagt man mir auch: „Ich dachte, du wärst stiller“ und "Ich hätte nicht gedacht, dass du so lustig bist".
Ich lebe sehr viel in den Gedanken und Gefühlen anderer, und will niemandem ein Anstoß sein. Zum Beispiel lese ich auf Instagram oft, dass Menschen traurig darüber sind, dass sie keinen großen Freundeskreis haben - und dann teile ich meine Freundschaftszeiten bewusst nicht, um keine Vergleichsfläche zu bieten. Diese Scham über gewisse Privilegien, um die ich in meinem Leben weiß, fühle ich oft - und sie hemmt mich enorm darin, offen und dankbar über den Segen zu sprechen (und auch zu fühlen!), den ich in Ehe, Freundschaft, Beruf und Leben erleben darf.

Ein facettenreiches Leben
Ich schreibe das, um mir selbst wieder zu erlauben, ganz ich zu sein – hier und auf meinen Kanälen.
„Ruheort im Instatrubel“ stand lange in meiner Bio. Das für euch zu sein ist definitiv auch weiterhin ein Wunsch von mir. Denn ich glaube, wir brauchen diese Stille und Momente der Reflexion so dringend in unserer Gegenwart. Aber dieser Blog heißt bewusst Ein facettenreiches Leben. Hier darf alles nebeneinander existieren: Marathontraining und Gedichte, Playlists und Selbstzweifel, Hobbies und Beziehungen, Kommentare zu YouTube-Videos und Momente, in denen ich an meinen eigenen Ratschlägen scheitere.
Wenn das zu viel für dich ist, ist das okay. Ich mache das hier vor allem für mich: um meine Stimme wiederzufinden und mit Menschen zu teilen, die länger als drei Sekunden zuhören. Also danke - und auch Respekt! - wenn das auf dich zutrifft!

Teil einer Multidimensionale Schöpfung
Ich denke nämlich, Hanna hat recht: Facettenreichtum ist wirklich was schönes. Und schon während ich diese Zeilen tippe, merke ich, wie gut es mir tut, mein ganzes, ungeschöntes Ich einmal nach außen zu kehren.
Wenn du auch facettenreich bist, dann lade ich dich ein, mit mir aus der Box auszusteigen und okay damit zu sein, nirgendwo so ganz reinzupassen. Lass uns die Boxen schließen und auf ihren Deckeln vor Freude darüber Tanzen, dass wir frei und einzigartig und wundervoll sind. Wir sind schöpferische Kunstwerke - und ich denke, es ist ganz im Sinne eines multidimensionalen Schöpfers, dass auch seine Schöpfung voller Dimensionen ist :-)