"Wie schnell lebst du grade?"

"Wie schnell lebst du grade?"

Ich fahre mit meinem Menti Kathi in Richtung Nordseeküste. Kathi und ich kennen uns von einer Freizeit, auf der ich ihre Kleingruppenleiterin war. Seitdem sind wir einander verbunden geblieben, und als ihre Mentorin telefoniere ich ungefähr einmal im Monat mit ihr, damit ich ihr in Lebenssituationen Rat geben oder sie einfach mit in mein Gebet nehmen kann. Dieser ist aber unser erster gemeinsamer Urlaub - und während ich vor der Autofahrt noch dachte, dass ich Kathi in diesem Urlaub bestimmt etwas beibringen würde, merke ich in unserem Gespräch schnell, dass es dieses Mal in eine andere Richtung gehen könnte: Ich glaube, ich werde diesen Urlaub etwas von Kathi lernen.

Als Außentemperatur außerhalb des klimatisierten Autos werden uns - wie seit Wochen schon - 35°C angezeigt. Das Navigationssystem lässt uns wissen, dass es noch 4:34 Stunden bis zur Ankunft am Fährhafen in Bensersiel zu überbrücken gilt, und so füllen wir die Zeit mit Musik, Podcasts und guten Gesprächen. Wir reden über alles Mögliche, über Kathis Mitarbeit bei einer Teenager-Freizeit in der letzten Woche und mein neues Buchprojekt. Wir sind beide müde, von den Tagen, die uns in den Knochen stecken, und sehnen uns bereits in den gebuchten Strandkorb, der an der Langeooger Küste auf uns wartet. In meiner Vorstellung kollidiert das ruhevolle Äußere der Insel gewaltig mit dem Strom, der mir durch die Adern zu schießen scheint: Alles in mir ist ein bisschen zu angespannt, ein bisschen zu gestresst. Ich spüre Ungeduld über die lange Fahrtzeit in mir pulsieren und versuche, mich auf unsere Unterhaltung zu konzentrieren, während Kathi mir von einer Sprachmemo erzählt, die sie in den nächsten Stunden noch beantworten möchte: „Ich höre Memos immer auf der normalen Geschwindigkeit, ich mag es nicht, sie auf schnell zu stellen", führt sie aus, und lässt mich damit hellhörig werden.


Auf welcher Geschwindigkeit lebst du?

„Oh, das ist doch mal eine spannende Frage", werfe ich ein: „Kathi, wenn wir sagen würden, die normale Geschwindigkeit, in der das Leben verläuft, wäre 1x - in welcher Geschwindigkeit lebst du dein Leben momentan?" Ich bin unzufrieden mit der Art, wie ich die Frage formuliert habe, kriege sie aber auch nicht besser in Worte und hoffe, dass Kathi meinen Gedanken dahinter versteht. Meine eigene Antwort kenne ich bereits, noch bevor ich die Frage überhaupt ganz ausformuliert habe: Ich lebe mein Leben eindeutig auf zweifacher Geschwindigkeit, wenn nicht sogar mehr. Die Aktivitäten, die ich in einen Tag presse, um alles möglich zu machen, was wichtig scheint, würden auch locker zwei oder drei Tage füllen können. Ich plane Tage voller To-do-Listen und hake, hake, hake ab - und nutze viel zu regelmäßig Formulierungen wie „ich muss mich in den Sonntag retten" oder „das wird jetzt nochmal anstrengend, aber dann wird es besser" (wird es nie), um meinem eigenen Herzen vorzumachen, dass das hier nicht der Normalzustand sei. Wahr ist aber: Ein gestresstes Inneres und ein viel zu voller Kalender sind längst der Status quo in meinem Leben geworden. Kurze Pausen sind untypisch, und wenn sie sichtbar sind, lege ich sofort die Termine hinein, die ich an den ganz vollen Tagen nicht mehr zu schaffen scheine. Es ist ein Teufelskreis: Die Tage sind voll, und scheint eine Woche in der Zukunft mal etwas leerer, bleibt sie nicht leer, weil neu aufkommende Termine mangels anderer Optionen sofort in sie hineingeplant werden.

Kathi denkt kurz über meine Frage nach: „Mein Bauchgefühl sagt mir grade, dass es 0,7x ist", antwortet sie dann, und ich muss aufpassen, vor Überraschung nicht laut aufzulachen. Ein Lebenstempo unter der Durchschnittsgeschwindigkeit? Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Als selbstständig arbeitende Ehefrau eines selbstständig arbeitenden Mannes, der sein Leben auf fünffacher Geschwindigkeit fährt, war es in meinem Kopf überhaupt keine Option, eine verlangsamte Lebensgeschwindigkeit als Auswahloption zu geben. „Ach krass", sage ich erstmal, und schweige dann, überführt von meinem viel zu hohen Lebenstempo. „Ja, ich mache alles gerne etwas langsamer", führt Kathi aus: „Aber darum bin ich auch nicht effizient", sie klingt ein bisschen bedauernd, während sie es ausspricht: „Ich brauche für manches etwas länger als anderen… aber ich glaube, ich genieße vieles darum auch mehr. Wenn ich einkaufen gehe, behandele ich das zum Beispiel fast wie einen Shopping-Trip und lasse mich gerne von allem im Laden inspirieren - das ist herrlich. Oder beim Aufwachen brauche ich einfach Zeit, um in die Gegend zu schauen, bis mein Körper ganz wach ist. Ich bin selten mit dem Kopf im Morgen und meistens sehr im Hier und Jetzt… Manchmal merke ich dann, dass alle anderen viel mehr an einem Tag zu schaffen scheinen als ich, und das frustriert mich manchmal."



Main-Quest oder Side-Quest

Ich höre ihr gespannt zu und mache mir bereits innere Notizen dazu, wie vielleicht auch ich mein Lebenstempo etwas runterfahren könnte: „Ich finde, das klingt eigentlich richtig gut", sage ich zu ihr: „Es klingt, als würdest du die Stunden, die du hast, mit so viel Aufmerksamkeit wie möglich leben. So machst du aus jedem Moment eine Main-Quest." Ich nutze das englische Wort, das den Hauptstrang der Geschichte in einem Videospiel beschreibt, weil es mir am passendsten erscheint. Kathi lacht: „Für mich fühlt es sich eher an, als würde mein Leben ausnahmslos aus Side-Quests bestehen."

Ich schweige, weil ich ihr Gefühl verstehen kann. Interessanterweise geht es mir oft auch so, obwohl mein Lebensgefühl ja diametral zu ihrem zu liegen scheint: Ich mache alles so schnell, dass ich fast nichts mit Aufmerksamkeit tue - und weiß darum manchmal gar nicht, was überhaupt das große Ziel ist, das den „Hauptstrang meiner Lebensgeschichte" ausmachen und ausrichten würde. Mir fehlt ein Nordstern im Gewusel meines Alltags. Ich bin so auf Effizienz getrimmt, dass mir ganz oft die Seele in den Dingen fehlt, die ich eigentlich gerne mit ganzem Herzen und voller Hingabe tun würde. Stattdessen tue ich sie dann mit halbem Kopf und voller Hektik: Während die Nudeln kochen, schnell die Wäsche aufhängen (zur Not auch knitterig, ich hab ja nur acht Minuten), während die Website lädt, schnell schon das Etikett aufs Paket kleben (dann ist es halt schief, weiter geht's), und während der Tank vollläuft, schnell noch die SMS an Opa tippen („Ja, hier auch alles gut. Liebe Grüße").

Sogar das Buch zum Thema „Nichts tun", das ich gerade lese, lese ich eigentlich nur, weil es mich mit aktivistischem Jargon gelockt hat. Dieser ließ das beworbene Nichtstun irgendwie vertretbar erscheinen. Große Worte wie „sich der Aufmerksamkeitsökonomie entziehen" und "das Leben zurückgewinnen" braucht es offenbar, um einen Workaholic wie mich dazu zu bringen, Nichtstun nicht länger als Zeitverschwendung, sondern als glorreiche Leistung zu betrachten. Na, wenn es was zu leisten gibt, da bin ich doch dabei!

„Ich glaube nicht, dass dein Leben dadurch aus Side-Quests besteht", antworte ich Kathi ehrlich, und meine jedes Wort. Mir ist im Gespräch schon oft aufgefallen, dass Kathi großzügig mit positiven, genussvollen Worten wie „Wow", „Herrlich" oder „Das ist so gut" ihr Gegenwartserleben beschreibt. Worte, die ich in meinem Alltag praktisch nie nutze, die das Herz aber schon beim Aussprechen spürbar aufatmen lassen: „Ich glaube, dadurch dass du alles mit Bewusstsein zu tun scheinst, füllst du dein Leben mit mehr Leben. Du machst aus jedem sich bietenden Moment eine Main-Quest - und eigentlich ist das ja auch das einzig Richtige. Denn das, was wir gerade tun, ist ja immer das aktuelle Hauptevent unseres Lebens. Wir können ja nur eine Sache auf einmal tun… und wenn wir sie bewusst erleben, dann wird vermutlich das ganze Leben sehr viel schöner und intensiver, auch wenn es von außen vielleicht nicht ganz so aufregend wirkt. Ich würde das gerne von dir lernen." Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Kathi lächelt, und sie gibt mir mit meiner Beobachtung recht. Als genussvoller Mensch in einer effizienten Gesellschaft hadert man vermutlich oft damit, nicht ganz reinzupassen… Aber in diesem Moment auf der Landstraße wünsche ich mir, viel mehr wie Kathi zu sein als das passende, effiziente Steh-auf-Männchen, das Erwartungsdruck und Zeitgeist aus mir gemacht haben.



Wenn Tempo die Schönheit raubt

Ich betrachte die Baumkronen, die über unserem Autodach vorbeifliegen, während die Kilometeranzahl Richtung Meer langsam dahinschmilzt. Es ist Anfang August, doch viele Bäume sind von Hitze und Trockenheit schon ganz gelblich und matt geworden. Es sieht aus, als würde der Herbst einsetzen, obwohl es eigentlich noch Hochsommer ist, und mein Herz wird ganz schwer darüber. Das ist komisch, denn eigentlich liebe ich nichts mehr als den Wechsel der Jahreszeiten. Aber etwas in mir spürt, dass der Herbst eigentlich noch gar nicht dran ist, und das nimmt dem Farbspektakel seine Schönheit: Es geht zu schnell. Eigentlich wie in meinem Leben, denke ich mir im Stillen. Ich hetze mich durch die Jahreszeiten und erzwinge damit mit Sicherheit auch den ein oder anderen Kapitelumschwung viel zu früh. Ich eile Gottes Jahreszeiten für mein Leben voraus und hätte gerne jeden Durchbruch, jeden Fortschritt sofort, anstatt auf den natürlichen Vorgang seines Gebens zu warten. Wie oft ich damit wohl schon einen zu frühen Herbst in meinem Leben eingeleitet habe - und ihn so überhaupt nicht in seiner ganzen Schönheit sehen konnte. Innerlich ausgetrocknet, müde und leer.

Und vielleicht ist das eine sehr passende Metapher: Die Welt und unser Leben auf ihr wurden für ein ganz bestimmtes Tempo konzipiert. Welches das genau ist, kann ich für euch und mich nicht in Worte fassen - aber ich glaube, wir spüren in unserem Inneren, ob wir diesem, ich nenne es jetzt mal gottbestimmten, Tempo vorauseilen, oder ob wir unser Leben im Einklang mit dem für uns vorbestimmten Rhythmus leben. In diesem richtigen Tempo ist es schön - außerhalb des Tempos spüren wir inneres Schleudern, Hadern und hier und da einen echten Stein im Magen. Wenn du den Regler für deine Lebensgeschwindigkeit gerade mal bildlich vor Augen rufst: Auf welcher Schnelligkeit steht er? 1,2-faches Tempo vielleicht? Oder schon 1,5-faches? Ist er bis zum Anschlag aufgedreht? Oder schaffst du es wie Kathi, das Leben mit Genuss und Achtsamkeit zu erleben, auch wenn es dadurch manchmal langsamer geht?


Ein Urlaub auf 1x

Nach unserem Gespräch im Auto habe ich den Urlaub über bewusst versucht, mich an Kathis Tempo anzupassen. Auf ihren Rat hin machte ich mein Arbeitshandy aus und hörte Sprachmemos nur auf normaler Geschwindigkeit. Als ungeduldiger Mensch fiel mir das zugegebenermaßen echt schwer, aber es führte wirklich dazu, dass ich das Gefühl hatte, wieder mehr im Einklang mit Raum und Zeit zu leben. In der Langeooger Buchhandlung ließ ich Kathi ein Buch für mich wählen, und es war auch ein Büchlein über Ruhe und Achtsamkeit - allerdings mit einem ganz und gar nicht aktivistischen Jargon: „Der Erzähler dieser Geschichte führt ein gehetztes Leben, das er als endlose To-do-Liste empfindet; Karl hingegen sortiert Tag für Tag Kartoffeln - und denkt nach", steht im Klappentext von „25 letzte Sommer", und da habe ich mich wirklich sehr wiedergefunden. Also verbrachte ich meine Lesestunden beim Kartoffelsortieren mit Karl, statt damit, meinen politischen Aufstand in Sachen Ineffizienz zu planen.




Was mir von unserem Urlaub bleibt

Ich würde diesen Beitrag gerne mit einem ganz klaren Learning als besserer Mensch abschließen, aber ehrlicherweise bin ich nicht besser geworden. Der Urlaub war „herrlich", wie Kathi es sagen würde, und der Tempowechsel tat mir gut. Doch heute Morgen, während ich diesen Beitrag tippe, fühle ich mich schon wieder viel mehr wie die gestresste Sarah im Auto vor dem Urlaub als wie die Kathi-inspirierte Sarah, die ich auf der Insel kurz sein durfte. Ein Junggesellenabschied ist zu planen, mein Adventskalender erscheint nächste Woche, Kartenboxen sind zu versenden und Live-Events zu organisieren. Ich schätze, es braucht Zeit, um sich das Lebenstempo abzutrainieren, das einem über Jahre hinweg zur Normalität geworden ist. Diese Zeit muss man sich geben. Aber ich glaube, es ist schon viel wert, dass mir jetzt zumindest bewusst ist, dass dieses - mein Tempo - nicht normal ist und nicht von ewiger Dauer sein sollte.

Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich vertrocknete Wiesen und leicht gelbliche Blätter… und dann denke ich daran, wie wichtig ein guter Rhythmus von Sonne und Regen, Wachstum und Stillstand, Tatendrang und Ruhe ist. Ich wünsche dieser Welt, dass es mal wieder regnet und die Jahreszeiten zu ihrer Zeit kommen. Und ich wünsche mir, dass ich mal wieder runterfahren kann, dass ich mein Leben auf einfache Geschwindigkeit runterfahren kann, damit ich in Zukunft mehr davon habe - und weniger davon verpasse.


Eine Einladung an dich

Vielleicht magst du diese Woche mal mit mir einen kleinen Gewohnheitswechsel wagen: Erlebe eine einzige Sprachmemo, ein einziges Telefonat oder einen einzigen Spaziergang mal ganz bewusst auf 1x. Kein Multitasking dabei und kein sonstiges „nebenbei". Tu nur diese eine Sache, mit ganzem Herzen. Ich würde mich freuen, von dir zu hören, wie es dir dabei ergeht.

Danke Kathi! Du warst mir diesen Urlaub eine gute Mentorin!

_________________

Klicke hier für meine anstehenden Live-Termine, ich bin 2026 noch viel unterwegs! 🧡

Zurück zum Blog

8 Kommentare

Schön. Ich vergleiche die Lebensgeschwindigkeit oft mit Gängen beim Autofahren. Zu meiner Mama sage ich manchmal: Du fährst im Fünften Gang. Schalte mal runter auf Gang zwei 😄 Ich habe eine 7,5 wöchige Tochter mit ihrem eigenen guten Rhythmus. Trinken, pupsen, pipi und Kaki machen, kuscheln, schlafen, getragen werden, im Kinderwagen fahren, schreien und die Welt langsam kennen lernen. Aber ist es überhaupt langsam? So schnell wie jetzt wächst man nicht nochmal im leben , hab ich gelesen. Ich bin für sie und alles was sie macht sehr dankbar. Danke Jesus für die schnellen und langsamen Geschwindigkeiten. Alles hat seine Zeit. Danke dass sie in deinen Händen liegen darf – die Zeit und auch wir❤️

Laura

Danke für deinen Impuls Sarah! Ich kenne die hohe Geschwindigkeit nur zu gut. Wie ich von einem zum nächsten renne und dabei über mich selbst stolpere. Meine kleine Tochter führt mich gerade in ein deutlich langsameres Tempo. Schlafen, stillen, Blätter anschauen, lächeln. Das ist so so besonders. Wünsche mir sehr dass ich das verinnerliche während sie noch klein ist und so ein natürliches, artgerechtes Tempo vorlebt.

Jula

Ich hab beim Lesen gerade gedacht, dass ich die letzten Monate wohl eher auf 2-facher Geschwindigkeit gelebt habe. Jetzt gerade ist mein Alltag endlich wieder weniger voll und die To-Do-Listen kürzer… und das fühlt sich ehrlich gesagt etwas komisch an. Vielleicht so ein bisschen wie beim Autofahren: wenn man längere Zeit auf der Autobahn gefahren ist, fühlt sich 50 km/h fahren danach viiiel zu langsam an. Ich glaube, ich muss mich an das neue Tempo erstmal wieder gewöhnen, um es wirklich genießen zu können :)

Elisa

Hi Sarah, was du beschreibst, erlebe ich in der heutigen Zeit fast täglich und traurigerweise wird dieses Tempo bejubelt und erwartet.
Als junge Frau stand ich auch unter diesem Druck und meine wöchentliche To-do-Liste war jeden Tag voll …. ich aber war gereizt und unzufrieden, was oft meine Kinder abbekamen. Dafür schämte ich mich und irgendwann wusste ich dann, dass ich das ändern muss, was mir allerdings doch erst mit Ende 30 gelang … mal besser, mal schlechter. Und inzwischen mag ich mein persönliches Tempo (ich war schon als Kind meiner Mutter immer zu langsam, heute ist es mir egal, wie andere das sehen 😇)
Ich glaub, mein Tempo liegt in etwa so wie das von Kathi bei 0,75 😊
GlG, Martina

Martina

Hey Sarah,

da greifst du etwas auf, dass ich aus meinem Leben gut kenne. Danke für deine Gedanken!

Ades

Hinterlasse einen Kommentar