Mein Gedicht im Abitur - Was ist die Musterlösung?

Mein Gedicht im Abitur - Was ist die Musterlösung?

„Die Winde bringen einen schwarzen Abend / Die Wege zittern mit den kalten Bäumen", waren die ersten Zeilen aus dem Gedicht „Frühjahr" von Georg Heym (1887–1912), das ich zu meinem Abitur 2017 analysieren und interpretieren musste. Ich war 17 Jahre alt und zu Tode nervös, als ich unsere Schulaula mit den vielen kleinen Tischen damals betrat.

Heute bin ich nicht mehr 17, sondern 26 Jahre alt. Und doch bin ich diese Woche ein zweites Mal todesnervös wegen einer Deutsch-Abiturklausur geworden. Dieses Mal allerdings aus einem sehr viel schöneren Anlass – und während ich das hier tippe, kann ich nicht aufhören, weiterhin über beide Ohren darüber zu strahlen!

Vorgestern Vormittag erreichte mich eine ungewöhnliche Nachricht:



Ich dachte erst, dass das eine Verwechslung sein müsste, und die Person vielleicht von Probeklausuren redete. Denn warum sollte die Info, was gerade im Abitur behandelt wird, jetzt schon in den unteren Stufen im Umlauf sein? Aber knapp drei Stunden später spülten plötzlich mehr und mehr Nachrichten in mein Post- und Mailfach rein, und eine von ihnen erklärte mir ausführlich, was passiert war:



Mein Gedicht hat es in die LK-Abiturprüfungen von Mecklenburg-Vorpommern geschafft!

Ich kann das immer noch schwer glauben! Der gewählte Text „Der Wandteppich" war bisher ein absolut unbekanntes Werk von mir. Ein Text, der sich im Kapitel „Frühling" von Zwischenmenschliches versteckt, und bisher nie von mir auf Bühnen oder auf Instagram vorgetragen wurde. Aber an diesem Dienstag haben ihn mehrere tausend LK-Schüler und Schülerinnen im Norden analysiert. Ich habe gar keine Worte dafür, wie krass ich das finde. Ich dachte echt, man müsse tot sein, um das zu schaffen :D

Ich könnte jetzt also ewig darüber schreiben, wie glücklich mich diese Überraschung gemacht hat. Aber meine sprudelnde Freude habe ich schon genug in Reels und Instagram Stories mit euch geteilt (Danke fürs Mitfreuen!!!). Ich habe im Auto gequietscht und Screenshots von allem gemacht, was auf meinem Bildschirm auftauchte und die Worte „Ich", „Abitur" und „dein Gedicht" drin hatte. Ich bin sehr, sehr, sehr glücklich. 

Aber worauf ich neben meiner irren Freude hier viel lieber eingehen würde, ist die mit Abstand häufigste Frage, die mich in den letzten 48 Stunden erreicht hat: 

„Kannst du bitte deine richtige Interpretation des Gedichtes als Musterlösung mit uns teilen?"


Meine Gedichtinterpretation

Erst dachte ich wirklich, das sei eine lustige Content-Idee: Ich analysiere mein eigenes Gedicht in einem Reel und lasse Diskussionen darüber ausbrechen, welcher Schüler es jetzt wo und wie falsch oder richtig verstanden hat. Und dann habe ich im nächsten Atemzug gedacht: Was für ein Quatsch. Was für ein absoluter Quatsch. Nicht nur, weil es gerade jetzt gilt, den Erwartungshorizont beim Bewerten der Klausuren so weit wie möglich zu halten, sondern vor allem, weil wir hier über die Interpretation von Kunst sprechen.

Und wer bei der Interpretation von Kunst meint, es gäbe eine Musterlösung – und sei es auch die Künstlerin selbst, die sie verfasst – der hat eine ganz wichtige Sache noch nicht verstanden. Eine Sache, der ich mich hier gerne noch einmal mit euch widmen möchte.



Kunst passiert im Zwischenraum

Vor allem durch das Aufkommen von immer mehr KI-generierten Inhalten stelle ich mir zunehmend die Frage, was ich eigentlich als Kunst bewerte. Es ist eine spannende Frage, wenn man sich ihr in Tiefe widmet. Ist Kunst ein Werk oder ein Prozess? Ist etwas erst Kunst, wenn es der Künstler aus tiefen Gefühlen schuf - oder reicht es, wenn der Betrachter etwas fühlt? Wäre KI-Kunst somit als vollwertige Kunst zu werten, solange sie mich was fühlen lässt? Wie viel Kraft und Handwerk muss in ein Werk fließen, damit es sich Kunstwerk nennen darf? 

Auf diesen Fragen beiße ich seit einer Weile rum. Vermutlich gibt es schon viele schlaue Menschen, die dazu philosophiert haben… Aber ich habe mir ein paar eigene Gedanken dazu gemacht, die mir helfen, meinen Begriff von Kunst und ihrer Wahrnehmung noch mehr zu greifen.

Vor zwei Wochen habe ich bereits ein sehr ehrliches Plädoyer für den Wert von Kunst gehalten, mit dem viele Künstlerkolleg*innen zu meiner Freude und meinem Mitleid gleichermaßen sehr relaten konnten. In diesem Text schreibe ich unter anderem:

„Und ich glaube, grade das ist Kunst: 
Nicht das Werk, erst wenn es fertig ist
sondern der Prozess des Menschen
der sich ganz ins Schaffen gibt"

Und ich glaube, dass da eine gewisse erste Wahrheit drin steckt.


 

Der erste Raum: Das Schaffen

Kunst ist kein fertiges Werk, sondern der Prozess des Fühlens und Wirkens, der dem Werk vorausgeht. Ein Kunstwerk hat zwar einen gewissen Wert durch die Materialien, die in ihm genutzt werden, und trotzdem sagen wir ja nicht: „Achso, du hast also 120 ml Aquarellfarbe und einen Bogen Aquarellpapier genutzt? Na, dann ist dein Kunstwerk jetzt 8,50 € wert."

Wenn wir für Kunst bezahlen, dann zahlen wir für die Arbeitsstunden, die hineingeflossen sind – für jahrelange handwerkliche Übung, die es einer Künstlerin erst ermöglicht, einen Pinselstrich so zu setzen, wie sie ihn setzt. Wir zahlen für die Einzigartigkeit des Werkes, das es so nur einmal gibt und nur von genau dieser einen Person kommen kann. Für die Komposition, die Farbwahl, die Entscheidung, was hinzukam und was weggelassen wurde. Für das konzeptuelle Denken, das einem Werk vorausgeht, und für die künstlerische Handschrift, die sich über Jahre entwickelt hat und unverwechselbar geworden ist.

Das Leben leben, Gefühle fühlen und sie dann in Worte, Farben, Materialien oder Töne übersetzen: Das ist Kunst. Dieser erste Raum – der Raum des Schaffens – bringt mich immer wieder zum Staunen, wenn ich ihn selbst betreten darf oder andere in ihm beobachte. 

Aber dann verlässt das Werk die Hand der Künstlerin. Es schleicht sich zum Beispiel zwischen zwei Buchdeckel und auf den Tisch in einem Abiturprüfungssaal. 

Und genau in diesem Moment öffnet sich ein zweiter Raum.



Der zweite Raum: Das Rezipieren

Ich möchte mich hier nicht zu sehr auf malerische Kunst versteifen – ihr könnt genauso gut an den Hörer eines Liedes, die Betrachterin eines Bauwerks oder eben die Leserin eines Gedichtes denken. 

Aber als Beispiel eignet sich das Malen irgendwie am besten, also bleibe ich dabei.

Wenn ein Betrachter sich einem Werk zum ersten Mal nähert, entsteht etwas, das ich den Resonanzraum nenne. Stellt euch vor, ein Gemälde hängt an der Wand, und zwischen diesem Gemälde und dem Menschen davor tut sich ein Raum auf. Dieser Raum gehört nicht der Künstlerin – der gehört dem Betrachter. Seine Wände bestehen aus erlebten Momenten und Emotionen, von großen Enttäuschungen bis zu den ganz glücklichen Erinnerungen. Das Kunstwerk wird wie Licht gebrochen, von Überzeugungen, die man sich erarbeitet hat, und Werten, die man von Kindestagen an verinnerlicht hat. Alles, was einen Menschen ausmacht, sammelt sich irgendwo in ihm – ich wüsste so gerne wo! – und bildet nun den Raum samt seiner Lichtverhältnisse, in den das Kunstwerk aufgenommen wird und von dessen Wänden es widerspiegeln - bei Spoken Word Texten: wiederklingen - kann.

Und bei den neun Milliarden Möglichkeiten, wie ein Leben gelebt und ein Charakter entwickelt werden kann, ist es nur logisch, dass am Ende jeder zu einem etwas anderen Urteil über das Werk kommt. Wie nah man das Werk an seine Emotionen heranlässt, von welchen Erlebnissen man seine Sinnhaftigkeit ableitet, wie das innere Licht gerade Schönheit beschattet und Schrecken beleuchtet – genau dieser Prozess ist ebenfalls Kunst. Wir sehen zwar alle dasselbe Werk. Aber wir nehmen nur das wahr, was in unserem eigenen Resonanzraum erklingt.

 


Milliarden „richtige Interpretationen"

Und darum ist es mir unmöglich, die Frage zu beantworten: „Jetzt, wo man die Autorin schon selber fragen kann – was ist denn die richtige Interpretation des Textes?“. Weil es sie schlichtweg nicht gibt.

Natürlich könnte ich hingehen und den Entstehungsprozess des Textes in all seinen Gedanken und Emotionen wiedergeben – eine Art Musterlösung für die Frage: „Was hat sich die Autorin dabei wohl gedacht?“, mit den Anmerkungen meiner Lektorin im Anhang, damit man auch wirklich das ganze Bild hat. Die aber natürlich das, was die Autorin sich ursprünglich gedacht hat, auch wieder ein wenig verfälschen. Eine Dokumentation des Inspirations- und Schreibprozesses ließe sich vermutlich einrichten. Aber dann blieben wir ja für immer im ersten Raum stehen und hätten nur einen Hauch der Kunst erlebt!

Die andere Hälfte der Kunst, das Interpretieren, passiert ja gar nicht mehr in mir. Es passiert in diesem Fall zwischen den Leser*innen und meinem Text. Da habe ich gar nichts mit zu tun - und möchte auch nichts damit zu tun haben.

Tatsächlich erlebe ich diese zweite Ebene des Interpretationsprozesses mit meinen älteren Texten immer wieder: Manchmal lese ich einen Text zum hundertsten Mal und nehme ihn plötzlich neuer und viel emotionaler wahr als noch vor einem Jahr. Einfach, weil meine Lebensphase sich verändert hat und er jetzt viel mehr zu mir spricht. Und ich finde, das ist eine ganz, ganz wundervolle Eigenart von Kunst: dass ein altes Werk immer wieder neu für uns sein kann. Je nachdem, wer wir sind, während wir es betrachten. Kunst entwickelt sich mit dem Menschen, der wir werden, mit.


 

Mein Wunsch für die Textbewertung

Ich werde also keine Musterlösung einreichen, anhand derer die Bewertung dann ausgeführt werden kann - auch wenn sich das echt einige gewünscht haben :D

Wenn ich mir für die Korrektur der Klausuren in Mecklenburg-Vorpommern eine Sache wünschen dürfte, dann wäre es diese: 

Dass die wundervollen und vermutlich selbst sehr gestressten Lehrer*innen, die sie korrigieren, eine Interpretation nicht nur dann als richtig werten, wenn sie ihrer eigenen Interpretation entspricht. Ich wünsche ihnen Weitsicht und Flexibilität im eigenen Denken, um auch eine Antwort als wahr anzuerkennen, die sie selbst nie gegeben hätten – wenn sie prinzipiell begründbar ist.

Ich wünsche mir das, weil ein Schülerherz etwas zum Gedicht beiträgt, das auf keinem Erwartungshorizont stehen kann. Und weil ich selbst ja nie jemandem gesagt habe, was die Aussage des Gedichtes für mich ist, oder wofür der Teppich als Metapher letztlich steht, funktioniert die Klatsche „Aber die Autorin hat das so gemeint“ in diesem Fall schlichtweg nicht. Da gibt es so unfassbar viele Möglichkeiten zwischen den kleinen Zeilen – und das ist ja gerade das Schöne an der Poesie.

 

Mein Wunsch für unser Miteinander

Und eigentlich, während ich das schreibe, merke ich: Was ich mir für die Lehrenden wünsche, ist im Grunde dasselbe, was ich mir für uns alle wünsche. Denn der Resonanzraum den wir vor uns herschieben hört ja nicht auf, wenn die Klausur abgegeben ist. Er begleitet uns überall hin.

Was du für weise oder dumm, für guten oder schlechten Geschmack, für vertretbar oder furchtbar hältst, bildet sich im Resonanzraum zwischen dir und dieser Welt. Wenn also mal ein anderer Mensch zu einer anderen Schlussfolgerung zu einem Thema kommt als du, heißt das nicht zwingend, dass er falsch und du richtig liegst. Oder umgekehrt. 

Das Leben – wie die Kunst – ist nicht schwarz-weiß. Schon gar nicht, wenn es um Wahrnehmung statt Fakten geht. Es kann viele Verstehens-, Interpretations- und Lösungsansätze geben, die gleichwertig sind. Wichtig ist, dass wir über die Frage sprechen, wo diese Interpretationen unserer Wahrnehmung nach herkommen und wie wir zu unsere Schlüsse ziehen. Und wenn wir die verschiedenen Resonanzräume beachten, die wir mitbringen – vielleicht schaffen wir es dann, eine zweite Meinung einfach mal stehen lassen zu können, auch wenn sie nicht ganz unsere eigene ist.

Das fände ich wirklich schön für uns. 

Das wäre richtige Lebenskunst.

 

Ein paar Worte zum Abschluss

Ein besonderes Highlight war eine persönliche Nachricht meiner eigenen Klassenlehrerin, die mich von der sechsten bis zur neunten Klasse in Deutsch unterrichtet hatte und schrieb:



Tja, da können einem doch nur die Tränen kommen 🥲

Ich bin dankbar, dass „Der Wandteppich" heute für etwas steht, das ich selber mutig gewagt habe: Etwas zu tun, was in meinem Freundes- und Familienkreis vorher noch kein Einziger getan hat, und den unsicheren Weg zu nehmen, indem ich alles auf die Kunst setzte. Und bisher dabei blieb (danke, dass ihr mich regelmäßig ermahnt, wenn ich mal wieder ein Tief in dieser Überzeugung durchlaufe!).

Ich liebe es zu schreiben. Ich liebe diesen Weg, den vor mir niemand gegangen ist. Und ich bin heute einfach nur richtig dolle glücklich, dass ein paar Zwölftklässler*innen diesen Weg dank meines Textes vielleicht etwas früher finden dürfen, als ich selbst. 

Oder war auch dieser, mein Wegweisungsversuch, nur ein weiterer Ratschlag, der mit Vorsicht zu genießen ist…? 

Die Interpretation lasse ich euch offen! 😊

 

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"Der Wandteppich" ist ein Gedicht aus meinem Buch "Zwischenmenschliches" (2025)
--> Hier bestellbar

Die Bilder in diesem Beitrag stammen zum Großteil von meinem Shooting mit Ebenezer Abebe zu meiner Kollektion "Friend of the Poet" mit JOHNFOURSIXTEEN (2023). Leider gibt es die Pieces heute nicht mehr - aber die Bilder fand ich einfach so passend. 🧡

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6 Kommentare

Deinen Werdegang verknüpfen an: Julia Engelmanns: „Eines Tages…, Baby … werden wir alt sein.“, begrüße ich und sehe in dieser Blog-Seite, darin: das Talent in deinen Werken. Chapeau!

Lars Berewinkel

Ich bin so berührt und ermutigt von deinen Worten! So schön, was du über den Resonanzraum schreibst. Ich selbst habe mich erst sehr selten nach außen gewagt mit meinen poetry pieces…Vielleicht weil man sich dabei so verletzlich macht. Doch letztlich kommt es vielleicht tatsächlich gar nicht darauf an, dass andere verstehen, was diese Worte für mich bedeuten, sondern welche Resonanz sie beim Gegenüber finden…Und das passiert nur, wenn man diesen Schatz teilt…. Danke fürs Teilen deiner Schätze und für diese Ermutigung!

Ruby

Lyrik ist an vielen Stellen zu „eng geschraubt“ und „ausanalysiert“! Ich danke Ihnen von Herzen für diese erfrischenden Zeilen. Jede Perspektive ist eine mögliche Wahrheit, umso wichtiger ist es, den dahinter stehenden Weg zu erkennen. Der Schüler / die Schülerin soll zeigen, dass er/sie eigene Perspektiven entwickeln und dies an Hand einer systematischen Auseinandersetzung begründen kann. Es freut mich sehr, dass sich zeitgenössische Lyrik in unseren Prüfungen wiederfindet und so den literarischen Kreislauf bereichert. Herzliche Grüße.

Alexander Franke

Was für eine wundervolle Sicht auf die ganze Sache. Ich finde es so so schön, wie du auf Dinge siehst liebe Sarah. Und ich finde es richtig cool das du es nicht Interpretierst sondern offen lässt, weil Poesie und Worte für jeden etwas anderes sind und weil es jeden irgendwie anders berührt und jeder etwas anderes darin sieht. Und ich bin deiner Meinung, dass Lehrer*innen auch gern über den Horizont schauen dürfen. weil es halt keine Musterlösung gibt sondern jeden ein klein bisschen anders fühlt und das ist doch eigentlich das schöne daran das wir so unterschiedlich und doch gleich sind.

Rebecca

Genauso … ich brüte gerade über ein Kunstwerk und lege die Zutaten auf die Leinwand, lasse sie wirken, verschiebe sie und erst wenn ich den Frieden habe, lege ich sie fest …
Auch Worte, die ich aneinander Reihe, brauchen Zeit müssen reifen, werden ausgetauscht und wenn sich dann jemand äußert freue ich mich über Interpretation in eine Richtung in die ich selbst garnicht gedacht habe.
So lange jemand von Text oder Bild berührt wird ist meine Intension erreicht.
Deine Texte sind HERRlich und ich feier sie sehr. Deine KI-Bewertung teile ich zu 100% und hoffe dass es nur ne Phase ist. Denn die Hoffnung stirbt zu letzt. Mari

Mari Schmidt

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