Offseason auf der Lieblingsinsel

Offseason auf der Lieblingsinsel

Es ist Offseason auf der Lieblingsinsel. Der Ort, der aufgrund seiner Autofreiheit und der begrenzten Auswahl an Geschäften eh schon sehr entschleunigend für ein Mädchen aus der Stadt ist, steht jetzt praktisch still. „Betriebsferien bis Mitte März“ hängt ein Schild im Inselatelier, wo Maler Anselm sonst seine idyllischen Strandmotive auf Leinwand verkauft: ein altes Pärchen, das die Dünen entlangläuft, oder ein Bild der rauen See.

Jetzt steht nur eine Pastellarbeit im Schaufenster: der Wasserturm, von Schnee bedeckt, umrahmt von gefrorenen Dünen.

 


Bild: Wasserturm im Winter (Anselm)

Geschlossene Türen und viel Zeit

Kurz bin ich etwas enttäuscht. Die meisten Restaurants haben zu: „Rouladen mit Sauerkraut am Samstag von 12–14 Uhr“ hängt in einer Tür, ansonsten hat das Lokal am Kino den Winter über geschlossen. Genauso wie das Kino selbst. Es hängen keine Filmplakate in den Fenstern, nur Eiszapfen.

"Schade", denke ich: "Was mache ich nur mit all der Zeit?"

Ich trage vier Schichten Kleidung übereinander, während ich durch das Städtchen Richtung Buchladen gehe. Oder vielmehr schlittere: Die Straßen sind beschneit und dann gefroren, und wem sein Leben lieb und teuer ist, der schiebt die Schuhe eher zögerlich voran, als selbstbewusste Schritte zu machen.

Auch der Buchladen hatte gestern zu: „Rufen Sie gerne an, dann machen wir Ihnen auf“ hing ein Zettel in der Tür. Irgendwie nett – die Besitzer kommen werktags runter und schließen auf für alle, die durchklingeln, weil sie dringenden Buchentzug haben. Ansonsten bleibt es ruhig im Lädchen, so wie auf der ganzen Insel.

Ein bisschen wie im Film finde ich: Es hat alles etwas Dörfliches, Verschlafenes, Liebevolles. Heute hat der Laden auf, und zwischen den kleinen, gedrungenen Buchregalen kann man sich ganz ohne Telefonanfrage kurz die frostigen Hände wärmen.

Ich stöbere durch die Regale, bummle ohne Zeitdruck, denn ich muss heute nirgendwo mehr sein. Es ist nicht Samstag und darum warten keine Rouladen auf mich. Nichts wartet: Alles ist im Winterschlaf, und mein Herz kommt zur Ruhe.


Ein Perspektivwechsel

Ich brauche eigentlich kein Buch, kaufe aber natürlich trotzdem eins: „Wieder alles weich und weiß – Gedichte vom Schnee“ steht darauf, und eine Frau im dicken Mantel ziert das Cover, deren frostrote Nase mich an meine eigene erinnert.

Und man möchte wieder vierzehn Jahre sein“, heißt es darin in einem Gedicht von Mascha Kaléko:

„Weihnachtsferien… mit dem Schlitten raus!
Und man müsste keinen Schnupfen haben
sondern irgendwo ein kleines Haus,

Und davor ein paar verschneite Tannen,
ziemlich viele Stunden vor der Stadt,
wo es kein Büro, kein Telefon gibt.
Wo man beinah keine Pflichten hat.“

Ja, denke ich, das ist schön und wahr.

Es ist zwar schade, dass das lebendige Brummen der Touristen, das im Sommer die Insel erfüllt, gerade einer allumfassenden Stille gewichen ist. Aber genau so ist es auch wunderschön für mich und die paar Frauen, die mich an diesem Wochenende begleiten. Wir alle kommen auf diese Insel aus pickepackevollen Leben: Anstellungen, Selbstständigkeiten, Kinder, Ehen und manchmal all das auf einmal.

Da kann man die Winterpause als Enttäuschung sehen – oder als Geschenk.

Unser „kleines Haus“ ist das Hotel Bethanien, das uns seit vier Jahren jeden Februar als Gruppe beherbergt. Und wir leben hier wirklich wie im Gedicht: schneebedeckter Sanddorn vor der Tür und eine ganze Fährfahrt von der nächsten Stadt entfernt.


Kein Winterdienst

Ich entscheide mich für einen vollen Genuss der verbleibenden Winterzeit, während ich die Türschwelle des Buchladens wieder Richtung Winterlandschaft übertrete. Wie auf Anselms Pastellbild steht der Wasserturm vor mir, von Hunderten Nuancen von Grau gerahmt.

Gemeinsam mit Rebekka, die sich im Lädchen auch ein Buch mitgenommen hat, schlage ich den Weg Richtung Dünen ein. „Kein Winterdienst“, geben uns Schilder an allen Weggabelungen zu verstehen. Aber plötzlich brauchen wir erwachsenen Frauen auch gar keinen Winterdienst mehr. Winterdienst - dieses Wort klingt irgendwie so Ernsthaft. Und wir leben nach Kalékos Motto: Man möchte wieder vierzehn sein!

Wir haben den Winter akzeptiert, statt ihn zum Feind zu machen, und fahren laut lachend Schlittschuh mit unseren Winterstiefeln. Regelmäßig plumpst jemand zu Boden, und es lustig und egal, weil die Kleidung dreckig werden und der Weg ruhig Zeit einnehmen darf: Wir werden nirgendwo erwartet.

Ja, es ist Offseason auf der Lieblingsinsel. Und mit einem Mal finde ich das ganz und gar wunderbar. Heute Morgen wurden Rehe in den Vorgärten gesichtet, die sich nur zeigen, wenn die Insel ruhig und sicher für sie ist. Die wenigen Passanten, die wir treffen, lachen mit uns über unsere skiartigen Fußbewegungen, und man ist verbunden durch die Komik der Gegenwart.

Und dann erreichen wir das Meer, und ich darf für mich ein erstes Mal erleben: mein erstes Mal Schnee am Meer! Es wirkt fast surreal, wie diese Welten aufeinandertreffen, und doch ist es atemberaubend schön. Die Muscheln sind eingefroren und der Sand in eine Frostschicht gehüllt. Und ich kann einfach stehen und genießen, weil ich mir die Freiheit dafür gebe.



Die kleine Freuden 

Durch die begrenzte Verfügbarkeit von Unterhaltungsangeboten wird jede kleine Freude ganz besonders groß: ein kleines, bunt verziertes Schild, das zum Teetrinken einlädt, und eine einsame Möwe, die sich auf dem Weg niederlässt.

Und während wir uns langsam über die Pfade schieben, Pirouetten drehen und nicht so richtig Meter machen, denke ich immer wieder an ein paar Sätze, die die wunderbare Nora Krauss gestern in ihre Instagram-Story getippt hat:

Hier ist Winter-Ausnahmezustand. Und mein Leben ist es auch (...).
Ich würde gern schneller gehen, endlich wieder vorankommen.
Aber die Glätte lässt es nicht zu. Im Gegenteil: Ich muss behutsam sein, damit ich nicht ausrutsche und mich verletze. (…)
Irgendwann wird das Eis schmelzen. Und irgendwann wird es wieder blühen.
Doch gerade ist Winter. Und vielleicht macht es Sinn, kurz anzuhalten, zu spüren, was jetzt dran ist, und Kraft zu sammeln – damit ich bald wieder loslaufen kann.            

- @_nora_explores


Die Offseason des Lebens

Vielleicht darf uns die Offseason genau das beibringen. Vielleicht ist sie eine weltgewordene Metapher, durch die ich gerade hindurchschlittern darf. So wie eine Nordseeinsel darf auch jedes Menschenleben eine Offseason haben. Ein paar Tage, Wochen oder sogar Monate, in denen einfach mal nichts passiert.

Dieses Gefühl von Stillstand finde ich eigentlich unerträglich. Gerade weiß ich noch nicht, welche Projekte meinen Frühling gestalten und meinen Sommer beleben werden, und jeden Tag grüble ich darüber, wie ich das möglichst schnell ändern und meinen Kalender füllen könnte.

Aber es gibt einen Grund, aus dem Gott dem Jahr Jahreszeiten gegeben hat. Warum erlaube ich der Natur, im Winter zur Ruhe zu kommen, und erwarte von mir selbst, das Tempo zu halten? Vielleicht ist es okay, dass mein Kalender gerade leer ist.

 

Ich gebe mir Zeit

Für den Moment darf ich mich einfach über das Glatteis der Ungewissheit schieben: ein paar Zentimeter nach den nächsten. Ich darf mich umschauen, kleine neue Details wahrnehmen und wie ein Kind über Fehltritte und Extrarunden lachen.

Es ist Februar, und mein Leben ist gerade noch in der Offseason. Es gibt keinen Winterdienst und das Streusalz ist knapp. Und wenn ich das akzeptiere – statt damit zu hadern – dann kann es richtig zauberhaft sein.

 

(Thumbnailbild: Bunte Buden im Schnee von Anselm)

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2 Kommentare

Lieben Dank fürs Mitnehmen auf deine Wanderung über die wintergesegnete Insel und durch die nahezu stillstehende Zeit.

Mascha Kaléko zählt übrigens zu meinen liebsten Poet:innen.

Annelie

Liebe Sarah,
Wie schön! Ich mag Perspektivwechsel und vor allem das winterlich stürmische Bild vom Meer :)
LG

Teresa

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