Opa, mein Video ist viral gegangen!
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"Aus dem Aufzug nach links, am Speisesaal vorbei und dann die vierte Türe rechts“, murmle ich in Gedanken vor mich her, während ich mir den Weg durch das Pflegeheim zum neuen Zimmer meines Opas bahne. Er nennt diese Räume erst seit kurzem sein Zuhause – seit er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ohne dass sein Fuß völlig verheilt war. Nun wird er hier in Kurzzeitpflege betreut, bis sein Bein von dem komplizierten Schraubenkonstrukt befreit wird und er sich wieder selbstständig in seiner Wohnung bewegen kann.

Opa und ich im März 2025 zu seinem Geburtstagsessen.
Es ist mein zweiter Besuch im Pflegeheim. Mein erster war gleich am Tag seiner Ankunft, um zu schauen, wie es ihm geht. „Er ist hier schon viel lebendiger als noch im Krankenhaus drüben“, erzählte mir mein Papa im Vorhinein, und tatsächlich: Von dem entkräfteten, fast 90-jährigen Mann, den ich in einem trostlosen Pflegebett erwartet hatte, war keine Spur zu sehen. Mein Opa saß halb aufrecht im Bett und strahlte mich an: „Eine Pflegerin hat mir gerade eine Mehrfachsteckdose am Bett befestigt, jetzt kann ich ein kleines Tischlicht haben“, freute er sich und sagte dann: „Aber das Beste ist: Ich kann endlich wieder Heiligenhauser Luft atmen.“ Beim Wörtchen Heiligenhaus leuchteten seine Augen voller Freude darüber, nach dem ungewollten Ausflug ins nachbarstädtische Krankenhaus nun endlich zurück in seiner Heimatstadt zu sein. Da war es für ihn sogar zweitrangig, ob er nun in seiner eigenen Wohnung oder in einem fremden Zimmer lag.
Mein Opa hat sein Leben lang in diesem kleinen Städtchen namens Heiligenhaus gelebt. Auch ich bin in diesem Ort aufgewachsen und dachte bis zu meinem Abitur, er müsse der Nabel der Welt sein. Doch während es mich irgendwann in größere Städte zog, ich durch Länder reiste und übers Internet Menschen in der ganzen Welt erreichte, war mein Opa immer genau hier glücklich und zufrieden gewesen. Er ist ein richtiges "Heiligenhauser Original", wie meine Mama sagt, weil er jahrzehntelang mit Strohhut und Klappfahrrad durchs Städtchen fuhr und mit Jung und Alt plauschte. Hier kennt er noch alte Schulkameraden – auch wenn diese mit dem Alter immer weniger wurden – und hat seine Kirchengemeinde und seine Söhne, Schwiegertöchter und einige Enkel eng bei sich. Und nun hat er ein Pflegezimmer auf einer der Straßen, die er in- uns auswendig kennt.
Weil mein Opa jahrzehntelang Beziehungen in dieser Stadt gepflegt hat, bin ich heute nur ein kleiner Teil der Flut von Besuchern, die ihn Tag ein, Tag aus im neuen Zuhause besuchen. Neben seiner Familie besuchen ihn auch Freunde, Gemeindemitglieder und alte Bekannte: „Dem Opa wird nicht langweilig“, lachte meine Oma am Telefon, als ich auf dem Hinweg mit ihr telefonierte.

Heiligenhaus. Bild von Wikipedia: Kungfuman - Selbst fotografiert.
Ein kleines Zimmer in der Heimat.
Endlich finde ich das Türschild mit seinem Namen und klopfe an die Türe, bevor ich sie einen Spalt breit öffne: „Hallo Opa, hier ist Sarah“, rufe ich in das Zimmer hinein und denke kurz, er hätte auch jetzt wieder Besuch, weil eine fremde Stimme im Raum erklingt: „Ach – Sarah“, sagt er und schaut kurz hoch, bevor er das kleine Kassettenradio vor sich ausstellt. „Das kann ich mir auch später anhören, komm rein“, winkt er mich zu sich. Seine Stimme ist etwas kratziger und älter als die Version von ihr, die ich mir vermutlich als Teenager als „Opas Stimme“ im Herzen abgespeichert habe. Aber sie ist noch seine Stimme, und sein Lächeln ist noch sein Lächeln.
Ich setze mich gegenüber von ihm auf einen recht hässlichen, blau bezogenen Holzstuhl und schaue mich im Raum um. Meine Mama hat sich alle Mühe gegeben, dem spartanischen Zimmerchen einen wohnlichen Anstrich zu geben: Der Blick aus Opas Pflegebett fällt geradewegs auf eine Pinnwand, die gefüllt ist mit Bildern von seinen Kindern und Enkeln, und ein Kalender mit ermutigenden Sprüchen steht im Regal. Auf seinem Nachttisch liegt seine Bibel, der man mit bloßem Auge ansieht, dass sie über viele Jahre hinweg täglich mehrfach aufgeschlagen und durchgeblättert wurde. Sie sieht gelesen und geliebt aus und macht sich gut neben dem selbst gehefteten Ordner voller Kalenderblätter, die mein Opa sich zur Unterhaltung mitgenommen hat. Dazu sein Radio, das Tastenhandy für Senioren und ein Stapel frischer Kleidung: „Mehr brauche ich gar nicht und möchte ich auch nicht“, erklärt er mir, bevor er aus dem Fenster zeigt. „Das Schönste ist für mich ja sowieso, dass ich in meinem Heiligenhaus bin.“
Ich lächle und bin ehrlich beeindruckt von der Genügsamkeit, mit der dieser alte Mann seine Tage durchlebt und gestaltet. „Ist dir nicht langweilig?“, möchte ich fragen – aber ich weiß, die Antwort wäre ein klares "Nein". Einen Fernseher wolle er auf keinen Fall, das hatte er von Beginn an klargemacht – das ist ihm einfach zu viel Lärm. Ein Radio und seine Bibel, so lebt es sich für ihn gut. Hauptsache, er hat seinen Jesus – und eben sein Heiligenhaus.
Eine Millionen Klicks.
Ich gebe meinem Opa ein schnelles Update meiner letzten Tage und erzähle ihm, dass ich mit einer bunten Gruppe von Autorinnen auf Langeoog war. Auch, dass ich gestern beim Willow Creek Kongress in Dortmund vor 4.500 Menschen aufgetreten bin und dass nächste Woche ein Auftritt in Karlsruhe ansteht. Ich komme mir selber beinahe wie eine Stressquelle vor, während ich diesen hektischen Alltag in sein ruhiges Zimmerchen hineinerzähle. Er wirkt interessiert und beugt sich dann fast verschwörerisch zu mir vor: „Aber erzähl mir mal. Ich hab da was gehört – irgendwas, dass du jetzt hunderttausend Klicks bekommen hast?“ Überrascht von seinem Instagram-Insider-Wissen lache ich auf. „Wer hat dir das denn erzählt?“, frage ich ihn. „Der Papa hat sowas gesagt. Was bedeutet das denn?“, fragt er mich neugierig.
Ich halte inne. Wie erklärt man seinem Opa, dass man Fotos und Videos auf einer Internetplattform teilt, auf der fremde Menschen aus der ganzen Welt sich tummeln – und dass Videos dort von einem kleinen Städtchen wie Heiligenhaus ins ganze Land gesendet werden können?

„Also, du weißt ja, dass ich meine Gedichte auch im Internet mit Menschen teile und dazu Videos mache, wo ich die vorlese. Und eins dieser Videos ist viral gegangen – also äh, das haben ein paar Leute gesehen und fanden es gut und haben es ihren Freunden gezeigt und ja, jetzt hat das Video gerade Millionen Aufrufe. Also, das heißt, das haben eine Million Menschen jetzt gesehen“, versuche ich zu erklären, ohne zu viele komplizierte Internet-Fremdworte zu benutzen.
Wir sind beide kurz still. Mein Opa, weil er versucht zu verstehen, was viral bedeutet – und ich, weil ich von dieser Sache eigentlich genauso wenig verstehe wie mein alter Opa. Eigentlich sind es zum Zeitpunkt unseres Gesprächs schon zwei Millionen, und zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrags schon 4,6 Millionen Aufrufe, die das besagte Reel erreicht hat. Aber jede Zahl von Aufrufen im Millionenbereich ist für einen Mann, der 90 Jahre lang in einem Städtchen mit knapp 30.000 Einwohnern gelebt hat, eine ungreifbare Zahl. Und genauso sind sie eine ungreifbare Zahl für mich, die ich zwar seit Jahren in Großstädten lebe und mit dem Konzept der Sichtbarkeit über die sozialen Medien beruflich wie privat sehr vertraut bin… aber vier Millionen Aufrufe in zwei Wochen, das ist auch mir wirklich noch nie passiert. Und auch wenn ich darüber sprechen oder schreiben kann, verstehe ich die Dimension dessen, was da passiert ist, eigentlich nie ganz.
Die Story dahinter.
Ich drehte das besagte Video während eines Autorinnen-Retreats auf meiner Lieblingsinsel Langeoog. Dort hatte ich mich zunehmend mit den Epstein-Files auseinandergesetzt – und mit „auseinandergesetzt“ meine ich, dass ich vor allem Reels zum Einschlafen gescrollt habe und ständig Kurzvideos von Berichterstattern in meinen Feed gespült wurden, die den Inhalt und die Straftaten dieser Dokumente analysierten und erklärten. Irgendwann war mir kotzübel, und mir schwirrte der Kopf. Nicht nur von der Grausamkeit dieser Berichte, sondern auch von der Verwirrung, die sich in einem Menschen auftut, der stundenlang abwechselnd Videos über Kindesmissbrauch gemischt mit DM-Hauls, Katzenvideos und Einblicken in Kriegsgebiete swiped. Ich merkte, dass ich so viele Emotionen durcheinander fühlte, dass ich irgendwann gar nichts mehr fühlte, und fühlte mich darum beim Einschlafen wie auch beim Aufwachen wie benommen.
Am nächsten Morgen setzte ich mich dann nach dem gemeinsamen Hotelfrühstück für meine Stille Zeit an einen einsamen Tisch. Doch statt meine Gedanken wie sonst kurz in mein Journal zu schreiben, entlud sich meine Verwirrung und Hoffnungslosigkeit in einem lyrischen Schwall. Wie eine Verrückte tippte ich die Worte: „Ich glaub, ich werde wahnsinnig, ich verliere den Verstand“, in mein Handy ein und formulierte Zeile um Zeile, um für mich selber greifbar zu machen, was da gestern beim Reels-Swipen meine Überforderung und meinen Weltschmerz so befeuert hatte. Und noch während der Text am Entstehen war, wusste ich: Der muss aus mir raus. Den muss ich heute noch einsprechen. Also bin ich vom Frühstücksraum in mein Hotelzimmer gerannt, habe den frisch ausgebluteten Text geöffnet und stellte meine Kamera auf, um ihn einmal probeweise zu sprechen.
Ich sprach den Text ein einziges Mal durch, und er schnürte mir beim Sprechen so sehr die Lunge zu, dass ich dachte: Das kann ich nicht noch mal aussprechen. Den muss ich jetzt einfach so teilen, wie er ist, und dann muss ich ganz, ganz dringend raus hier. Also postete ich ihn spontan und ungeplant, machte mein Handy aus, zog mir fünf Schichten Stoff über und rannte aus dem Hotel raus. Langeoog war leer und kalt an diesem Tag, und ich hatte wirklich das Gefühl, meinen Verstand zu verlieren, wenn ich jetzt nicht sofort hunderttausend Schritte laufen würde. Letztendlich waren es nicht hunderttausend, sondern eher nur zweitausend Schritte die mich unbewusst zur Inselkirche trugen – und dort sank ich auf einer Bank zusammen und weinte und weinte und weinte über die Hässlichkeit dieser Welt: „Jesus, bitte komm bald“, weinte ich das Kreuz der Kirche an. Und ich spürte, Jesus saß selber weinend neben mir und nahm mich in den Arm, aber erklären, warum auf Erden all diese furchtbaren Dinge passieren, konnte er mir nicht. Wir sind bis heute weiterhin im Gespräch dazu.

Der Tag, an dem das Reel entstand. Langeoog 2026
Wie ist das, wenn ein Reel viral geht?
All das erzähle ich meinem Opa nicht. Ich erzähle ihm nicht, dass mein Text viral ging, weil er eine traurige Wahrheit unserer Gegenwart in Worte fasste, die jeder Mensch mit Smartphone grad fühlte: die komplette innere Überreizung durch das Scrollen auf den sozialen Medien und das langsame Taubwerden unserer Herzen, weil Schreckensnachrichten uns in fließenden Übergängen mit Duschschaumwerbungen und Comedy-Snippets präsentiert werden. Ich erzähle ihm nicht, dass Nico Santos mein Video kommentiert hat und dass Dunja Hayali es in ihrer Story geteilt hatte – denn er kennt diese Menschen nicht. Genauso wenig wie ich sie kenne oder sie mich.
„Wie ist es für dich, dass das jetzt so viral geht?“, hatte mich eine Freundin wenige Tage vorher gefragt. Wir hatten darüber gestaunt, dass bekannte Namen mir jetzt folgten und dass meine Followerzahlen sich so rasant auf die 100.000-Marke zubewegten. Und ich hatte zögerlich mit den Schultern gezuckt: „Das ist mir ja schon ein paar Mal passiert“, erklärte ich ihr. „Und es ist immer ein bisschen furchteinflößend. Man öffnet die App und hat plötzlich die ganze Welt in seinem Wohnzimmer.“

Ja. Immer wenn ich drüber nachdenke, ist das irgendwie ganz schön gruselig. Aktuell ist es jedes Mal spannend, wenn ich meine Instagram-App öffne. Ich ertappe mich, wie ich denke: Ist mir noch jemand Berühmtes gefolgt? Spricht mir noch jemand ein Kompliment für diese Zeilen aus? Aber ich muss mich auf wappnen: Wird es hässliche Beleidigungen in meinem Postfach geben? Hat das Reel jetzt die falschen Menschen, mit unguten Absichten erreicht? Wir wieder jemand seine Trauer und Wut an mir und meinem Reel auslassen?
Keine Frage: EIgentlich ist es schön für mich, dass der Text gehört wird und Menschen das so mitfühlen können. Aber für mich persönlich ist es auch bizarr, dass nach 600 Videos, die ich mit viel Zeit, Liebe und Mühe geschrieben und produziert habe, ausgerechnet dieses von Millionen Menschen gesehen wird: ein ungeplantes Video, in dem ich ehrlich vor der Kamera leide, weine und genau die Plattform kritisiere, die es nun bekannt gemacht hat. Und die mich jetzt gerade mit überirdischen Dopaminkicks empfängt, wann immer ich die App öffne und hundert neue Follower entdecke. Und ausgerechnet jetzt, wo ich doch gerade neu begreifen durfte, wie schädlich sie für mich ist, hat sie wieder die Chance, mich mehr an sich zu binden.
Fun Fact: Bisher waren es übrigens ausnahmslos meine Instagram-kritischen Texte, die ein virales Level erreicht haben. Eine interessante Dynamik, oder? Sagt, glaube ich, auch etwas über uns als Gesellschaft und unsere Online-Sucht aus. Wir wollen nicht mehr dort sein, zwischen diesen vielen Reizen und Flackerbildern gefangen… aber wir sind es eben doch.
Was ich über virale Beiträge gelernt habe.
Früher war es mein Traum, endlich auch mal viral zu gehen - meine Plattform wachsen zu sehen, und meine Kunst wahrgenommen zu wissen. Heute, nach einigen viralen Videos über die Jahre verteilt, ist das anders.
In viralen Phasen erinnere ich mich mittlerweile ganz bewusst daran, dass diese Welle der Aufmerksamkeit und des Zuspruchs ganz schnell wieder vorbei ist. Ich merke, dass ich mich aus Erfahrung bewusst davor schütze, meinen Wert in diese kurze, starke Phase der Aufmerksamkeit zu legen. Ich weiß, die Leute im Internet fühlen das jetzt. Und das kann sogar was Gutes sein. Aber mein nächstes Video fühlen sie dann nicht, und dann entfolgen sie mir wieder. Das ist immer das Gleiche: Ich poste Woche für Woche konstant Gedanken aus meinem Leben, und es interessiert nur ein paar treue, beständige Leserinnen, die meinen Weg schon seit Jahren begleiten. Dann geht etwas viral, und plötzlich sind da Millionen Menschen, die „Ja, genau das!“, rufen. Und dann vergeht die Welle, manche neuen Follower bleiben und andere verschwinden wieder, aber so richtig was mit meinem Leben gemacht, hat das eigentlich alles gar nichts.
Es sind weiterhin die treuen, langjährigen Leserinnen, die meine Bücher im Vorverkauf kaufen oder zu Konzerten kommen. Weil sie zu mir mehr Verbindung habe als einen kurzen, emotionalen Moment. Und ich stehe weiter zur gleichen Uhrzeit auf, gebe meiner Katze die gleichen Medikamente, treffe die gleichen Freunde – die übrigens alle kein Instagram haben und darum auch rein gar nichts von diesen Millisekunden des Internet-Fames mitbekommen haben – und besuche dann meinen Opa im Pflegeheim. Zu dem ich viel mehr Verbindung habe, als nur ein kurzes, emotionales Video.

Opa und Oma bei unserer Standesamtlichen Hochzeit, April 2022.
Die Wichtigkeit echter Verbindung.
„Millionen Menschen. Ja, aber wie geht denn sowas?“, fragt mich mein Opa, der meine Erklärung nun verdaut hat. Und wenn ich eine wirkliche Antwort hätte, dann hätte wohl jedes meiner Videos Millionen von Aufrufen. Also antworte ich so gut wie möglich: „Ach, weißt du, Opa, das ist im Internet immer ein bisschen wie im Casino. Ich veröffentliche da ein Video und werfe es sozusagen wie eine Münze in den Internet-Automaten. Und manchmal passiert dann gar nichts und das Video verschwindet einfach im Strudel der anderen Videos – und manchmal ist es, als würde man den Hauptgewinn ziehen, und dann kriegt es ganz viel Aufmerksamkeit. In diesem Fall hatte ich wohl etwas Glück und habe mit dem Text einen Nerv getroffen.“ Er nickt. Er sagt nichts, aber ich bin mir sicher, dass er innerlich nicht begeistert davon ist, dass ich mein Leben im Internet-Casino verbringe. Und er hätte recht damit, mir davon abzuraten.
Wir kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen und wechseln das Thema. Opa erzählt mir, dass heute Morgen schon sein Freund Hans da war, und heute Abend würde der Tobi mal vorbeikommen. Schnell sind die Millionen anonymen Menschen, die gerade online in mein Leben reingucken, vergessen, und es geht stattdessen um die echten Menschen im Jetzt und Hier. Jene, die so wertvoll sind, wenn sie einen mit Keksen und offenen Ohren im Pflegeheim besuchen kommen. Man muss sich nicht die ganze Welt ins Wohnzimmer holen, um ein gut besuchtes Zimmer zu haben. Mein Opa hat es ein Leben lang in einem Städtchen ohne Social Media geschafft, ein sozialer Mensch mit tiefen Verbindungen zu sein.
Und einmal mehr wird mir klar: Ein virales Video und seine Nachwehen sind eigentlich wirklich egal. Egal, wie viele Follower da kommen oder gehen, wichtig sind die Menschen, die mich in der echten Welt begleiten, stützen und tragen. Die mir nicht nur „Ja, so true“ unter einen Beitrag kommentieren, sondern Wahrheit und Ermutigung von Angesicht zu Angesicht in mein Leben sprechen.

Echte Menschen, die meinen Februar bisher bereichert haben!
Ein Hoch auf echte Menschen.
Während er erzählt, wandert mein Blick immer wieder über die Pinnwand voll vertrauter Gesichter, die meinem Opa in seinen Tagen hier ein ermutigendes „Wir haben dich lieb“ zulächeln. Menschen, die ihn ein Leben lang... Nein, wohl eher: Menschen, die er ein Leben lang begleitet hat. Die ihm seine Pyjamas waschen und sein Zimmer dekorieren und die auch aus Koblenz zu Besuch anreisen, einfach um zu hören, wie es ihm geht. Ich schaue auf seine Bibel und auf sein Radio – zwei Gegenstände, die zum Verweilen statt zum Swipen einladen, und ich denke, dass dieses Heiligenhaus schon ein guter Ort ist, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Fokussiert auf das, was wirklich zählt, statt auf das, was tausend fremde Stimmen einem – mir – täglich ins Nervensystem hineinbrüllen. Ganz ohne, dass ich sie darum gebeten habe.
„Opa, ich muss jetzt leider fahren. Der Daniel wartet zu Hause auf mich, und wir kriegen gleich noch Besuch“, erkläre ich ihm, und spüre ganz großes Glück darüber, auch echte Menschen zu haben, die auf mich warten. Mein Opa ist mittlerweile müde geworden und hat sich ins Bett gelegt, weil das Sitzen auf Dauer noch zu anstrengend für ihn ist. Wie immer verabschiedet er mich mit einer Liste an Grüßen, die ich ausrichten soll: an den Daniel und die Cleo, die Schwiegereltern und deren Eltern und an Mama, Papa, Anna und Lukas, wenn ich die demnächst mal sehe. Ich verspreche ihm, seine Grüße auszurichten – er solle bitte auch die Oma und den Tobi grüßen, wenn der heute Abend kommt. Dann drücke ich seine Hand zum Abschied und trete aus dem Zimmerchen zurück auf den gelb gestrichenen Flur.
Es ist ein Flur, gefüllt mit alten Menschen, die Rollatoren schieben und Pflegebetten in Sitz- oder Liegepositionen fahren lassen. Und von denen vermutlich kein einziger weiß, was es bedeutet, wenn ein Instagram-Reel viral geht. Und ich bin mir sicher: Wenn ich mich zu ihnen hinsetzen und es erklären würde, dann fänden sie meine Gegenwart immer schöner, als die ungreifbaren Zahlen im Netz. Jeder von ihnen würde einen einzigen echten Besucher gegen eine Million Klicks auf Instagram eintauschen. Und ganz ehrlich: Ich würde es auch.
P.s: Auch wenn deine Großeltern keine Millionen Klicks haben, die sie gegen einen Besuch von dir eintauschen könnten: Schau doch einfach mal so wieder bei ihnen vorbei, und bring etwas Zeit mit. Etwas mehr als fünf Minuten "Hallo und Tschüss". Auch eine alte Seele freut sich, noch besucht und echt gehört zu werden :-)
7 Kommentare
Liebe Sarah-Marie,
ich bin vor kurzem auf eines deiner wunderbaren Videos in Instagram gekommen.
Selbst schon eine “ältere Seele” (69) hat mich dein Blog hier sehr berührt.
Danke für deine Liebe zu Gott, zu Jesus; ich bete für dich, wann immer du in meine Gedanken kommst :)
Danke für die Geschichten und Gedanken, die du hier teilst. Hoffentlich finden ganz viele Menschen von Instagram hierher und lassen sich hier berühren. Deine Worte sind soo wertvoll und haben es verdient, hier für jeden Menschen zu jeder Zeit lesbar zu sein, statt vom Algorithmus viel zu häufig verschluckt zu werden!!
Ich bin froh, Instagram hinter mir gelassen zu haben und dankbar, dass ich über Blogs & Newsletter auf die wertvollen Gedanken & Inspirationen anderer Menschen nicht verzichten muss.
DANKE!
Ich bin euch so dankbar für euer liebes Feedback <3 Ich lese jeden Kommentar und freue mich so. Danke!!!
Liebe Sarah,
ich habe dich neu entdeckt und nach zweien deiner Texte (der 2. tatsächlich der oben beschriebene viral gegangene, bei dem ich heute morgen mit dir mitgeschluckt und -geweint habe) beschlossen, mich auf deine Website und in deinem Blog umzuschauen. Auch dieser Blogbeitrag über den Besuch bei deinem Opa hat mich ziemlich angerührt – vermutlich auch, weil aus meiner Familie schon so viele Menschen nicht mehr da sind, um sie zu besuchen, besucht zu werden und Gedanken auszutauschen…
Ich möchte dir nur sagen, dass ich gerne bleiben und deine Gedanken, deine Texte weiter verfolgen möchte. Und jetzt lege ich mein Handy aus der Hand, schniefe noch ein Taschentuch voll und schaue mir die “richtige”, nahbare und greifbare Welt an. :)
Vielen Dank und liebe, sonnige Grüße aus einem kleinen verschlafenen Ort in NRW
Lena
Ich liebe diese neue Form, deine Worte über Blogbeiträge wirken zu lassen. Danke für deinen Tiefgang und deinen Mut. Wie immer sehr inspirierend.