Das Ende der "Poetry Konzerte"

Das Ende der "Poetry Konzerte"

Heute nehme ich persönlich Abschied von einer gemeinsamen Reise. 

Wie alles begann:

Fast zehn volle Jahre ist es nun her, dass Anna und ich unseren ersten gemeinsamen Auftritt bei einem Festival in Karlsruhe hatten.
Anna war damals gerade 15, ich 16 Jahre alt – und wir waren soooo aufgeregt! Der Veranstalter einer kleineren Nebenbühne war durch YouTube auf mich und meine Poesie aufmerksam geworden und fragte mich, ob ich noch jemanden hätte, der das Programm um Musik ergänzen könnte. Also nannte ich ihm Annas Namen, und wir fuhren zusammen los.

Anna und ich kennen uns, seit Anna auf die Welt gekommen ist. Wir sind fast wie Familie aufgewachsen: Wir hatten die gleiche Kirche, die gleichen Kinderstunden und später die gleiche Schule. Wir haben zusammen Tischtennis, Fußball und Volleyball im Verein gespielt. Jahrelang kam Anna jeden Mittwoch nach der Schule zu mir, und wir haben gequatscht, geredet und zusammen gelernt – so, wie man es von Schwestern kennt. Und dann, an diesem besonderen Tag in Karlsruhe, wurde aus uns noch mehr als nur enge Freundinnen: Wir wurden Kolleginnen und Bühnengefährtinnen.

Anna, was für ein Segen das war, diese neue, aufregende Welt mit dir betreten und kennenlernen zu dürfen.

Der Start von was (ganz) Großem

Als wir voller Aufregung zum ersten Auftritt fuhren, war Anna ganz laut und hibbelig vor Nervosität, und ich aus gleichem Grund so in mich gekehrt, dass kaum noch ein Ton über meine Lippen kam. So gegensätzlich sind wir bis heute, und genau darin sind wir so ein gutes Team. Nie hätten wir damals gedacht, dass diese Erfahrung der Startschuss von neun Jahren gemeinsamen Poetry-Konzerten werden würde und dass wir dieses Aufregungsgefühl über vierzig Mal fühlen und durchbeten würden.

Wir starteten klein – erst in Karlsruhe, dann in der Mensa unserer Schule und später traten wir zusammen bei meinem Abschlussball auf. Anna begleitete meine Texte am Klavier und war mir gleichzeitig ein seelischer Halt, eine vertraute Person in unvertrauten Szenarien. Als mich die erste heimische Kulturbühne 2019 für ein abendfüllendes Programm einlud, wusste ich, ich bräuchte eine gute musikalische Begleitung – und natürlich war Anna die Erste, die ich fragte, und die Erste, die Ja sagte.

Also traten wir zusammen in Ratingen auf, und unser erstes Programm „Träume, Liebe, Hoffnung“ war geboren. Es folgten Konzerte in den unterschiedlichsten Städten, auf immer neuen Bühnen und mit immer neuen, lieben Menschen, die uns bei sich aufnahmen und unseren Worten und Klängen Raum gaben. Anna brachte ihre ersten eigenen Lieder raus, und ich veröffentlichte Bücher, und dann verkauften wir sie nach unseren Konzerten, und es war und ist bis heute alles wie ein unwirklicher Traum. Wir schrieben sogar ein zweites, neues Programm, in dem Anna erstmals ausschließlich ihre eigenen Lieder sang, und mit „Ruhe im Sturm“ dürfen wir für euch bis heute ganz besondere Ruheräume im Alltag kreieren.

Wir meinen es von Herzen, wenn wir sagen: Diese Arbeit hat uns alles bedeutet.
Doch leider muss alles Schöne einmal zu Ende gehen.

 

 

Warum es enden muss

Denn während ich in meiner Poesie nicht nur ein Hobby, sondern auch eine Berufung gefunden habe, hatte Annas Herz immer noch eine zweite, ganz besondere Leidenschaft. Anna ist studierte Sozialarbeiterin, und wer sich mit ihr unterhält, merkt nach kürzester Zeit, wie sehr ihr Herz für die soziale Arbeit und vor allem für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland brennt. Anna ist eine begabte Musikerin – das steht für jeden, der sie hört, außer Frage. Doch für Anna steht außer Frage, dass ihre Berufung die soziale Arbeit ist – und für mich steht außer Frage, dass sie in diesem Beruf Leben verändern und die Welt zu einem besseren Ort machen wird.

Leider fordert dieser Job aber auch eine Menge. Er fordert Herz und Zeit und mentale Kapazitäten, die Anna bisher immer auf zwei Berufe aufteilen musste: Montag bis Freitag war sie Sozialarbeiterin und Samstag und Sonntag wurde sie zur Künstlerin – für euch und mich. Doch mit voranschreitender Zeit hat sie gemerkt, dass diese Zweiteilung sie letztendlich zwei Dinge halb statt eine Sache ganzherzig tun lässt. Und ihr ganzes Herz will sie eigentlich der sozialen Arbeit schenken.

Darum haben wir uns Ende letzten Jahres in einem herzzerreißenden Gespräch zusammengesetzt.
Anna konnte es kaum über die Lippen bringen, und schließlich musste ich aussprechen, was uns beiden im Herzen weh tut: „Also heißt das, du wirst mit den Konzerten aufhören müssen.“

Es tut weh, wirklich weh. Weil wir – und auch besonders ich (Sarah) – diese Bühnenarbeit sehr geliebt haben, und wir wissen: Wir sind unersetzlich füreinander. Und doch wissen wir beide: Es ist die richtige Entscheidung. Für Anna ist es dran, ihrem Herzen nach frei und ungebunden in ihr Berufungsfeld hineinzutreten. Und für mich bedeutet das: Es ist dran, etwas Neues zu kreieren. Was auch immer das sein mag.


Was heißt das für die Zukunft?

Für die Zukunft bedeutet das: Anna wird sich aus der Bühnenarbeit und auch zu einem gewissen Grad aus der generellen Öffentlichkeit zurückziehen. Wir spielen unsere letzten vier Poetry-Konzerte noch bis März, und danach wird es kein „Ruhe im Sturm“ mehr geben.

Mich persönlich stellt das vor ein Fragezeichen – und in die aufregende Position, etwas Neues wagen zu müssen. Ich habe die Konzertarbeit im letzten Jahr ganz besonders lieben gelernt und würde in Zukunft sogar lieber mehr als weniger auf Bühnen für euch lesen und Räume für Emotion und Gemeinschaft kreieren. Diese große Veränderung macht das natürlich nicht leichter für mich, öffnet aber vielleicht auch neue Räume für coole Zusammenarbeiten mit Künstlern, Lesungen im kleineren Rahmen und fordert Mut, ganz Neues auszuprobieren.

„Dat kommt, wie dat kommt“, sagen wir in unseren Poetry-Konzerten immer. Und wir sind sicher, dass Gott für beide von uns gute, neue Pläne bereithält.


Aber erst mal bringen wir dieses Kapitel jetzt zu einem guten Ende und spielen ein paar letzte Konzerte für euch (Hier geht's zu den Terminen). Es ist traurig – und doch sind die letzten Jahre vor allem ein Grund zur Freude für uns: Wir freuen uns, dass die gemeinsame Arbeit uns geholfen hat, eine Kinderfreundschaft in eine Erwachsenenfreundschaft zu überführen – die ganz gewiss ein Leben lang halten wird. Und wir freuen uns, dass unsere Kunst so viele eurer Leben berühren und ermutigen durfte.

Anna, du hast mein Herz.
Danke für neun Jahre Poesie und Musik.
Danke für hundert Autofahrten voller Tiefgang und Leichtigkeit.
Danke, dass du mein Leben reicher machst.
Ich hab dich lieb – für immer.

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